Leseprobe aus Bent10

Wie alles begann.

 

Gleich zu Beginn der Sommerferien beauftragt zu werden, auf seinen kleinen Bruder aufzupassen, ist ganz sicher nicht der beste Start in den Sommer, den sich ein Achtzehnjähriger wünscht.

Mein kleiner Bruder, das ist Bɘnt10. Eigentlich heißt er Benedict, aber meine Eltern sind eingefleischte Dänemark-Fans. Darum nennen sie ihn Bɘnt10. Ich nannte ihn seit gestern Bɘnt10. Vorgestern hörte er noch auf Bɘnt9, vorausgesetzt, er hörte überhaupt. Mein Name ist Sören. Sören Mandelbaum.

Es war eine ruhige Geburtstagsfeier am Abend zuvor in Marcos Pizzeria im allerengsten Familienkreis, überschattet von den Reisevorbereitungen unserer Eltern und der Abneigung meines Bruders gegen Familienfeiern jeder Art, insbesondere, wenn sie ihm galten.

Zugegen waren Mom, Dad, Bɘnt10 und ich.

Bɘnt10 hatte sich über die braune Schirmmütze gefreut. So hofften wir. Eine solche Schiffermütze hatte er sich zumindest gewünscht. Warum, konnte sich niemand erklären, zumal Bɘnt10 keinerlei weitere Affinität zu maritimen Dingen erkennen ließ. Diese Kappe passte - nach Empfinden meines Bruders - aber zu dem blau-weiß gestreiften Fischerhemd, das er zufällig an diesem Abend trug. Und das tat sie auch.

 

Ich drückte dem Geburtstagskind ein weißes T-Shirt mit dem roten Aufdruck Made in Danmark in die Hand. Ich hatte es wenige Tage zuvor in einem Internet-Versandhaus gesehen und bestellt. 24 Stunden später war es eingetroffen. »Das passt dir!«, versprach ich meinem Bruder.

Aber unseren Eltern schien es nicht zu passen. Sie schauten sich erst sprachlos an und starrten letztlich zur Restaurantdecke. Da wurde mir klar, wie nah ich der Wahrheit mit dem Hinweis Made in Danmark im Hinblick auf die Schöpfung meines Bruders gekommen war.

»Bɘnt10 wurde in …« Weiter kam ich nicht.

»Ihr habt mich im Dänenland …« Weiter kam Bɘnt10 nicht.

»Hat jemand Lust auf Tiramisu?«, unterbrach Mom.

Es hatte niemand Lust auf Tiramisu.

 

Nachdem Bɘnt10 seine Pizza Inferno zu Ende gegessen hatte, mit der neuen Schiffermütze auf seinem blonden Schopf, packte er das Geschenk von Tante Marion aus, das diese bei Mom zur Überreichung an diesem Abend hinterlegt hatte.

Mein Bruder riss das wenig geschlechts- und altersentsprechende Geschenkpapier vom Karton. Knallbunte Luftballons auf himmelblauem Hintergrund. Wie schrecklich!

»Was soll das denn?«, fragte er ungläubig. Diese Frage galt weniger dem Geschenkpapier als dem, was sich darunter verbarg. »Ein Puzzle?«

»Ja, eintausend Teile!«, sagte Mom, auf das Präsent ihrer Schwester deutend. »City of London!«

Es ist schwierig, Emotionen vom Gesicht meines Bruders abzulesen. Aber wenn sie so massiv auftreten, wie sie sich bei der Betrachtung des eintausendteiligen Premium-Puzzles bei ihm einstellten, schafft man es. Ich las: Ernüchterung und Enttäuschung in Symbiose mit Befremden und grenzenlosem Unverständnis.

Mit dem Wort »Unsinn!« fasste er seine Gefühle in der für ihn typischen kompakten Art und Weise zu zusammen.

»Das schaffst du!«, meinte Mom.

»Klar!«, sagte Dad. »1000 Teile sind ein Klacks!«

Mein Bruder hatte keine Bedenken, sich dem Puzzle zu stellen. Er hatte keine Lust, es überhaupt zu versuchen. Er fand es sinnlos.

»In der Puzzle-Fabrik stanzt man ein Stück Karton kaputt, Tante Marion kauft dieser Firma die Schnipsel ab - und ich soll das Bild wieder zusammensetzen?«

»Aber nein …«, begann Mom.

»Aber ja!«, unterbrach ich. »So ist es doch.«

»Na ja …«, lenkte Mom ein.

»Quatsch!«, sagte Bɘnt10. »Pille-Palle!«

»Korrekt!«, unterstützte ich ihn brüderlich.

Genauso gut hätte man Bɘnt10 auffordern können, seinen leeren Pizzateller auf den Fliesenboden in Marcos Pizzeria zu werfen, um im Anschluss daran dessen Einzelteile mit Porzellankleber wieder zusammenzufügen.

So empfand ich es. Und so empfand es mein Bruder wahrscheinlich auch. Das Geburtstagsessen endete um fünfunddreißig Minuten hinter acht Uhr nachmittags, nach Bɘnt10-Uhrzeit. 

 

Auszug aus dem Roman Bɘnt10.

 

 

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© Rolf Piotrowski