Projekte

ISBN 978-3-9524056-6-6

Kirja-Verlag

ISBN

981-0700-586

MAINZ Verlag

Rolf Piotrowski

c/o Bogorm

Postboks 3044
1654 København

Danmark

 

postboks.dk@gmail.com

 

Rückblicke

Geschichtensammlung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das letzte WORT

 

„Ach ja“, jammerte das W, „es ist nicht schön, ein W zu sein. Ich führe Wehmut, Weltschmerz und Wahnsinn an. Aber meinem Nachbarn zur linken, dem V, geht es auch nicht besser. Vergewaltigung und Verderben sind auch keine schönen Wörter.“

Das O antwortete: „Na ja, mich findet man in Mord und Totschlag! Zwar nicht gleich zu Beginn, aber ich komme darin vor.“

„Also ich“, meldete sich das R, „ich bin zufrieden. Ruhe und Regeneration und sind ohne mich gar nicht denkbar!“

„Ach!“, sagte das W, „Was ist mit Rache, Raffgier und Radikalismus?“

Das T meldete sich: „Was soll ich denn sagen? Ich führe den Tod und die Trauer an!“

„Aber auch den Trost“, meldete sich das O, „mit mir!“

„Und mit mir!“, rief das R.

„Oh!“ entfuhr es dem O.

 

Nach einer kleinen Pause machte sich das O Gedanken: „Wer von uns wird wohl der letzte gedruckte Buchstabe des letzten Buches sein?“

„Na ja“, sagte das T, „der letzte gedruckte Buchstabe muss ja niemand von uns sein. Ich denke, das überhebliche M oder das vorlaute E werden sich darum schlagen.“

„Aber nur wir vier in dieser Reihenfolge bilden das WORT!“, rief das O seinen drei Nachbarn in Erinnerung. Wir vier werden gebraucht. Aber ich gebe zu, es wäre für mich durchaus erstrebenswert, als letzter Buchstabe des letzten Buches zu enden. Ich fände das angemessen.“

„Glaub mir“, gab das W zu bedenken, „man braucht uns nicht wirklich. Es gibt auch Wörter ohne uns. Es kann sein, dass wir vier im allerletzten Wort des allerletzten Buches gar nicht auftauchen! Wie gerne wäre ich deshalb ein Vokal.“

„Ich bin ein Vokal“, sagte das O, „aber man greift nicht oft auf mich zurück. Da kann ich mich auf den Kopf stellen! Na ja, wenigstens in oft und Kopf komme ich vor...“

„Nein“, unterbrach das W, „ich wäre gerne ein E. Auf das E kann man kaum verzichten. Es drängt sich wirklich ständig in den Vordergrund. Eitelkeit, Egoismus, Eigenliebe...“

„Hallo?“

Eine ganz leise Stimme meldete sich.

 

„Wer bist Du denn?“, fragte das W.

„Ich habe nichts gehört!“, meinte das O.

„Doch, da war etwas“, war sich das R sicher.

„Also!“, sagte das T, „wer bist du?“

„Ich bin der Punkt. Ich bin kein Buchstabe, aber ich bin ein Satzzeichen. Ein sehr wichtiges. Ich bringe eure Sätze zu Ende, wenn euch die Wörter ausgehen. Ich bin für Pausen zuständig. Ich werde das letzte gedruckte Zeichen des allerletzten Buches sein. Ich werde den Schlusspunkt setzen. Entweder als Punkt, als Ausrufe- oder Fragezeichen!“

Diesem Argument hatte das WORT nichts entgegen zu setzen.

 

© Rolf Piotrowski

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Rolf Piotrowski